Rätselhaftes Koma

    Rachel fühlte Nicks Puls.
"Er ist in der Schattenwelt gefangen ... zusammen mit Liz", stellte Derek fest.
"Es muß einen Weg geben, wie wir sie ins Leben zurückbringen können."
Derek durchsuchte Büro und Geheimkammer. Zuerst fand er nichts, doch da fiel sein Blick auf den Stempel mit dem unheilvollen aztekischen Symbol, der neben der zerschmetterten Statue lag: "Warte. Vielleicht hilft uns das weiter."
    Rachel überlegte: "Hypnose. Ich könnte dieses Zeichen in deinem Unterbewußtsein verankern. Wenn du dieselbe psychische Ebene erreichst, auf der sich Nick jetzt befindet, wenn du einen Kontakt herstellen kannst, dann können wir ihn vielleicht aus seinem Koma erlösen. Ihn und Liz." "Kann er mich hören?"
"Das kann niemand sagen."
    Derek beugte sich dicht an Nicks Ohr: "Nick ... Du mußt jetzt ganz stark sein ... Der Dämon wird alles versuchen, um dich in die Irre zu führen. Er wird Trugbilder aufmarschieren lassen. Aber er ist machtlos, solange du dich ihm nicht aus freien Stücken auslieferst. Du mußt auf mich hören ..."
    Rachel sah auf ihre Uhr: "Dreiundzwanzig Uhr fünfzehn ... Ich gebe dir fünf Minuten ... Maximum. Dann hol ich dich aus der Hypnose. Klar?" Derek nickte. Rachel beugte sich vor; das Aztekensymbol hielt sie in ihrer Hand. Derek heftete seine Augen fest darauf.
    "Konzentriere dich auf dieses Symbol. Absolut. Memoriere es, indem du dich der Leere näherst ... Schließe deine Augen und entspanne dich ... Atme tiefer und tiefer ... Denke nur an das Bild dieses Symbols hier, das dir mitten auf der Stirn geschrieben steht ... Alles um dich herum wird dunkel und dunkler, immer dunkler."

    Nick fand sich indes in einem endlosen Honzont gedampften Blaus und schwebte langsam durch den Nebel. Plötzlich geriet um ihn herum alles in Bewegung. Und nach einer Weile stand sie vor ihm: Verführerisch, begehrenswert, grüßte sie ihn mit einem lockenden Lachein auf den Lippen, jenem Lächeln, das er so an ihr liebte. Es war Liz.
"Wie ich dich vermißt habe", bedauerte sie.
"Wo - sind - wir?"
    "Überall da, wo wir sein wollen. Und wir werden es sein für den Rest unseres Lebens. Solange wir zusammen sind. Die Materie hat keine Gewalt mehr über uns."
Hinter ihr schalte sich ein ungeheures Bett aus dem Nebel. Liz bettete ihren nackten, makellosen Korper auf die Satindecke: "Erinnerst du dich noch an die Nacht, die wir gemeinsam verbracht haben, in San Francisco? Das Penthouse? Es war mein Geburtstag, und du hast mich dahin gebracht, um mich zu überraschen." Ihre Hände lockten ihn: "Denke an all die wunderbaren Dinge, die wir zusammen tun können. Verspurst du kein Verlangen?"
"Das - das ist ein Trugbild. Das ist nicht wirklich."
"Es ist wirklich, wenn wir uns nur genügend Muhe geben. Wir können so glucklich sein wie zuvor. Was sage ich: wie nie zuvor!"
    Ihre Hände massierten ihre wohlgeformten Brüste: "Ich will dich. Nick. Alles, was du tun mußt, ist, zu mir zu kommen. Ist das denn so schwer?"
"Liz, hör mir zu."
"Nein. Du hörst mir zu. Wir können den ganzen Schmerz auslöschen. All die langen Nächte, die ich vergeblich auf dich gewartet habe, nachdem du mich verlassen hast."
"Ja, ich entsinne mich - und es tut mir leid." Nick begann, schwankend zu werden.
"Ich wollte dich heiraten."
"Ich weiß ... aber ich hatte Angst und handelte verantwortungslos an dir."
"Hier bin ich ... Hast du keine Lust, mich zu berühren und zu lieben?"
    Wie in Trance trieb es Nick zu ihrem riesigen Bett hin. Ihre Arme streckten sich ihm verlangend entgegen: "Komm zu mir, aber du mußt aus freien Stücken kommen." Nick hielt inne. Es war, als habe er das schon einmal gehört. Er war verwirrt: "Warum?"
"Weil ich dich brauche. Weil ich hungrig bin - nach Liebe."
    "Warum kommst du dann nicht zu mir hinüber und berührst mich? Warum nimmst du mich nicht in die Arme? Hier bin ich! Tu du den ersten Schritt!"
Liz schien ratlos.
    "Du kannst mich nicht beherrschen, solange ich mich dir nicht freiwillig ausliefere. Ist es das?"
Liz' Augen begannen zu funkeln und wütend zu blitzen. Ihre Stimme verzerrte sich zu einem animalischen Brüllen. Und ihr Bett löste sich in Nichts auf.

    Nick sah sich verwundert um: "Liz! Wo bist du, Liz?" Seine Frage hallte durch die Nebel, und die Stimme eines Dämons antwortete ihm: "Dieb! Du wagst es, ungebeten in meine Welt einzudringen? Mir zu stehlen, was mein ist?" Unter der Stimme des Dämons erkannte Nick einen verzweifelten Schrei.
"Komm, Dieb! Nimm sie, wenn du kannst. Fehlst du, wirst du mein sein auf immer!"
    Vor Nicks Augen erstand eine kalkweiße Gestalt, bereit, dem Dämon, der sie gefangenhielt, geopfert zu werden: Liz. Und dann war da die zweite. Auch sie war Liz. Beide Frauen streckten ihm hilfesuchend ihre Arme entgegen. "Triff deine Wahl", drohte der blutgierige Dämon einer untergegangenen Kultur.
    Nick schloß die Augen. Beide Frauen riefen ihn flehentlich mit derselben Stimme, aber was sie sagten, das unterschied sich. Die eine rief: "Nick, so komm und rette mich." Die andere warnte ihn: "Nein, rette dich selbst. Nick, bring dich in Sicherheit. Mein Leben bedeutet nichts." Nach ihrer Hand griff Nick. Kreischend wurde die andere zu einer schwarzen Wolke, die sich drohend in das gefräßige Maul des Quihatzin verwandelte.
"Nick, sei stark, gib nicht auf!" hörte er Dereks Stimme. Mit der richtigen Liz rannte Nick auf ein Licht zu, wo er Derek stehen sah. Das Maul, das sie verfolgte, war groß wie ein Mähdrescher und schwoll mit zunehmender Wut an. Im letzten Moment bekam Nick Dereks ausgestreckte Hand zu fassen.

Zurück