Die zwölfte Höhle

    Rachel kam in der Frühe herunter und hörte ihren Anrufbeantworter ab. Sie erkannte Dereks Stimme:
    "Rachel? Bist du da? Komm schon, heb ab, heb ab." Klick. Aufgelegt. Sie schüttelte den Kopf, doch als sie in die Küche wollte, gewahrte sie eine Gestalt im Halbdunkel einer Ecke. Vorsichtig spähte sie, noch im Morgenmantel, herein. Es war Derek. Sie war erleichtert - und doch wieder nicht.
"Derek. Mein Gott, du hast mich vielleicht erschreckt. Was tust du hier?"
    "Es tut mir leid. Ich mußte dich sehen. Unbedingt. Ich bin durch den Seiteneingang rein. Ich konnte nicht anders. Ich habe dauernd so eine Vision, die mir - Feuer suggeriert. Und dann ein Geräusch, als ob in höllischem Brand hundert gepeinigte Seelen schrien. Ich weiß, es klingt absurd, aber es ist die Wahrheit, die volle Wahrheit." Die Worte kamen gequält, abgehackt. Rachel machte erst einmal einen starken Kaffee, bevor sie sich im Schneidersitz auf ihren Schreibtisch hockte und Derek weitererzählen ließ. "Diese Stimmen - ich habe sie schon einmal gehört." Derek zog ein Foto heraus und zeigte es Rachel. Das Foto war zur selben Zeit aufgenommen wie das, auf dem Alicia zusammen mit ihm und Hitchcock zu sehen war, doch auf diesem hier war Alicia allein. Sie hatte ein strahlendes Lachen aufgesetzt - und sie lachte offensichtlich den an, der das Foto schoß.
    "Alicia und Randolph Hitchcock wollten heiraten", erläu- terte Derek. Aber Rachel wollte nur wissen, wer das Foto gemacht hatte. Derek sah sie an: "Ich. Ich habe die Aufnahme gemacht. In einem kleinen Dorf an der rumänisehen Grenze. Es sollte eine einfache Mission werden: einige Daten besorgen, die wir für unsere Arbeit brauchten, und dann sofort Abmarsch. Wäre alles glatt gegangen, wenn nicht... Alicia wollte nicht hören. Über allem lag der süßliche Geruch des Todes. Sie sollte zurückbleiben und am Jeep auf uns warten. Aber sie kam nach und suchte - mich. Ein seltsames Verlangen trieb sie. Als ich es merkte, war es schon zu spät. Das - das Ding, dem wir auf der Spur waren, hatte sie geschnappt. Sie hatte keine Chance. Als sie starb, war es, als ob sich die Erde öffne und man die Schreie der verdammten Seelen höre. Es war wie Dantes Inferno. Es war furchtbar, einfach furchtbar." Er machte eine Pause, bedeckte sein Gesicht mit der Hand: "Randolph hat sie sehr geliebt."
"Und du?"
Er sah auf: "Ich?"
    "Hast du sie auch geliebt, Derek?"
"Ja. Aber ich habe es ihr nie gesagt. Ja, ich habe sie geliebt, und ihr Tod hat in meinem Herzen einen Riß hinterlassen." "Und gebrannt hat es da nicht, in diesem Schlund, in den sie gezerrt wurde. Ich meine, es war kein Feuer, wie in deinen Halluzinationen?"
    "Nein ... nichts. Nur dieses Geräusch - diese Schreie ... Ertrinkender. Und jetzt, auf einmal, verbanden sich diese Schreie, die so lange auf meiner Seele gelastet hatten, mit der Vision eines flammenden Feuerscheins."
"Merkwürdig."
   "Ich habe Angst, daß ich den Bezug zur Realität verliere. Damm bin ich hier. Bevor noch einmal ein Unglück geschieht. Ich habe da nämlich einen Anruf bekommen."
"Wer war es?"
    "Er hat seinen Namen nicht genannt. Hat behauptet, er sei ein Freund, der mein Leben retten wolle. Auch er erwähn- te das Feuer und die Schreie der toten Seelen. Er will sich mit mir heute um drei an der alten Werft treffen."
    Rachel riet ihm, vorsichtig zu sein, aber Derek war überzeugt, daß ihm die Informationen des Unbekannten nützlich sein würden. Nichts konnte ihn davon abhalten, zur vereinbarten Zeit an der Werft zu warten. Der Unbekannte war kein anderer als Harper, der in unverständlichen Worten auf Derek einredete, für den das, was der schäbig gekleidete Mensch sagte, dennoch einen Sinn ergab: "Wir haben einen gemeinsamen Freund."
"Sie meinen Hitchcock? Sie kennen ihn?"
"Das will ich meinen. Es muß tief in seinem Herzen etwas geben, das er nie vergessen hat und Ihnen nie verzeihen wird. Ich weiß das."
    Derek wurde bleich. "Alicia?" flüsterte er.
"Soso, eine Frau. Na, kein Wunder. Jetzt wird mir alles klar. Wunden wie diese vergißt man nie."
"Aber er hat es mir gesagt. Er hat mir verziehen. Von Freund zu Freund."
    Harper schüttelte heftig den Kopf: "Niemals. Das ist nicht Randolph Hitchcocks Art. Denken Sie nur an die Schriftrolle."
    "Was - was wissen Sie von der Rolle?"
"Nur soviel, daß sie die Kraft hat, Menschen in den Wahnsinn zu treiben. Zuerst werden Sie Dinge hören, die niemand sagt, und dann werden Sie Dinge sehen, die es nicht gibt", kicherte Harper. "Niemand wird Ihnen helfen können, nicht Flucht, nicht Therapie, nichts, gar nichts. Die Rolle wird Sie Ihres Verstandes berauben, Mr. Rayne, und Sie zu guter Letzt Ihr Leben kosten. Sie müssen geeignete Vorsichtsmaßnahmen treffen." Er sah sich ängstlich um: "Es ist spät geworden. Ich muß sehen, daß ich vor Anbruch der Dunkelheit zuhause bin."
"Wo leben Sie?"
    "Das brauchen Sie nicht zu wissen", stieß Harper zwischen den faulenden Zähnen hervor. Er musterte Derek mit einem verständnisvollen Grinsen: "Wir beide sitzen jetzt in einem Boot. Das dürfen Sie nicht vergessen." Er zog seine Mütze von der Stirn und ließ Derek ein Aschezeichen sehen, das entfernt dem Aschekreuz ähnelte, das den Gläubigen am Aschermittwoch aufgezeichnet wird. Und er deutete auf Dereks Stirn: "Das Kainszeichen." Damit verschwand er. Auch Dereks Stirn war gezeichnet. Er folgte ihm in sicherer Entfernung.

Zurück